„Er ist’s“ – lasst uns den Frühling mit Maibowle begrüßen!

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land…

… wer kennt es noch und hat in der Schule aufgepasst, na, naaaa? Von welchem Dichter???
Es ist eines der wenigen Gedichte, die in meinem Kopf haften geblieben sind und die der Romantikerin in mir so richtig Lust auf einen Spaziergang durch Wald und Flur machen. Ich will doch mal schauen, ob sich hier in der Gegend irgendwo wilder Waldmeister auftreiben läßt.

775006286@arianebille-4

Aus Schultagen ist einem das Zeug ja eher als industriell erzeugter, penetranter Geschmack im froschgrünen Wackelpeter in Erinnerung. Das hat aber wenig zu tun mit dem frischen, vanilligen Duft von Galium Odoratum (die lateinische Bezeichnung) oder auch Maikraut, Herzfreund, Leberkraut, Duftlabkraut oder Waldmännchen genannt. In Frankreich so beliebt, dass es “Reine des bois”, die Königin der Wälder genannt wird. Es entfaltet in der Bowle leicht berauschende Wirkung, als Tee sorgt es für ruhigen Schlaf, lindert Angstzustände und Verdauungsbeschwerden, wirkt entzündungshemmend und krampflösend. Aber Vorsicht, bitte nur in kleinen Dosen genießen, durch den Gehalt an Kumarin ist es geringfügig giftig.

775006286@arianebille-3

Ich entschließe mich zu einer Spazierfahrt und schwinge mich, diesmal ohne Begleitung, mal wieder auf meinen Drahtesel. In der spätnachmittäglichen Sonne vorbei an wundervoll blühenden Apfelbäumen lockt die angenehm warme Frühlingsluft, streicht mir zärtlich um die Nase und ich lasse mich in den Wald verführen …

Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.

Waldmeister ist eine kleine, ausdauernd krautige Pflanze, Wachshöhe 15–40 cm. Die Blätter werden vor der Blüte gesammelt, man sieht, es wird Zeit. Ich brauche nicht viel, 2 Handvoll reichen, ich will ja nicht die Gesundheit schädigen, sondern nur einen kleinen, bezaubernden Schwips, vielleicht…

– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!

Eduard Mörike (1804-1875)

775006286@arianebille-11

Es ist so wunderbar hier, überall das frische Grün, der Duft und die so jung aufbrechende Natur, ich bin wehrlos ausgeliefert … Olfaktorisch beschwingt radele ich wieder zurück in meine Küche, denn ich möchte ja noch die ersten Vorbereitungen für eine Maibowle treffen.

Das Rezept dazu habe ich aus Wilde Waldküche von Linda Louis. Dieses liebevoll geschriebene, stimmungsvoll fotografierte 320 Seiten starke Werk beinhaltet eine seltene Auswahl an unbekannten oder vergessenen Rezepten und ist der Schönheit und Kostbarkeit der Natur des Waldes gewidmet. Gegliedert in Waldgemüse & Kräuter, Hecken und Sträucher, Bäume und Pilze finden sich Tipps zum Sammeln und Verzehren von Wildpflanzen, vorgestellte Arten und auch deren Gefahren oder Gesundheitsrisiken, Gesetze des Waldes und goldene Regeln, Vorschläge zum Aufbewahren und Konservieren und Wissenswertes zu den Früchten oder Rezepturen. Im Glossar werden Fachbegriffe erklärt und es gibt wertvolle Querverweise zu Fachliteratur oder hilfreichen Adressen für alle, die tiefer in das Thema einsteigen wollen. Frühlingsrollen mit Knoblauchsrauke, kandierte Veilchen, Hagebuttenkuchen, Holunderblütenessig, Birkenwasser, Kastaniencremesuppe, Schlehengelee, Wildapfel-Cakes, kleine Soufflés mit Semmelstoppelpilzen – allein dieser Auszug läßt ahnen, welche Rezeptschätze hier geborgen wurden. Aber zurück zum Maikraut:

Beim frischen Waldmeister ist ein mehrstündiges Anwelken wichtig, damit sich das typische Aroma entwickeln kann.
Dazu wasche ich die Blättchen, binde sie zu einem Sträußchen zusammen und lasse es über Nacht liegen.

775006286@arianebille-1

Am nächsten Tag bereite ich aus den angegeben Zutaten einen Ansatz aus fruchtigem Weißwein, Orangenlikör, etwas Rohrzucker und Bio-Orangenabrieb. Dahinein hänge ich das Sträußchen (die Stiele sollten noch rausschauen) und ein betörend frisch-grasiger Duft macht sich breit. Aber nicht zu lange, 30 Minuten bis 2 Stunden, länger nicht, dann raus mit dem Kraut, das Ganze abseihen, in saubere Flaschen abfüllen und im Kühlschrank lagern. Damit seid ihr perfekt vorbereitet für den ultimativen Aperitif zum 1. Mai, für ein trautes 2er Picknick im Grünen oder eisgekühlt zu einem ländlichen Buffet. Mit einem Schuss trockenen Sekt oder Prosecco kriegt der Frühlingstrunk noch mehr spritzigen Wumms … Hey, das irdische Leben kann so schön sein – und jetzt raus in die Natur, Kinder!

775006286@arianebille-7

Maibowle

Puristen trinken diesen Kräuterwein ausschließlich am 1. Mai. Mit getrocknetem Waldmeister steht es Ihnen frei, das erfrischende Getränk jederzeit zu genießen – am liebsten eisgekühlt zu einem ländlichen Buffet.

Zubereitung: 15 Minuten · Ruhezeit 10 Tage

ergibt 2 Flaschen à 1 l

1 kleine Bio-Orange 
2 Handvoll Waldmeisterblätter (etwa 20 Stängel), gekocht oder frisch und angewelkt (siehe Tipp) 
2 Flaschen fruchtiger Weißwein 
50 ml Orangenlikör (z. B. Grand Marnier) 
120 g heller Rohrzucker 
2 Flaschen à 1 l, sterilisiert

Zubereitung

  1. Die Orange gründlich waschen und abbürsten. Die Schale abreiben.
  2. Die Blätter des Waldmeisters von den Stängeln abzupfen. Mit der Orangenschale und allen restlichen Zutaten zusammen in ein großes Glasgefäß geben und gut verrühren.
  3. Frischen, angewelkten Waldmeister 30 Minuten bis zwei Stunden, getrockneten Waldmeister über Nacht ziehen lassen.
  4. Die Maibowle durch ein Sieb abfiltern und in Flaschen füllen.
  5. Die Flaschen im Kühlschrank lagern und innerhalb weniger Wochen verbrauchen.

Tipp
Bei frischem Waldmeister ist ein mehrstündiges Anwelken wichtig, damit sich das typische Aroma entwickelt. Bei der Zubereitung der Bowle können Sie die Blättchen der angewelkten Pflanzen auch an den Stängeln belassen und diese zu einem Sträußchen zusammenbinden. Dann in die Bowle hängen, sodass die Stielenden oben herausschauen.

 

Rezept aus:

Wilde Waldküche
von Linda Louis
320 Seiten, 318 Farbfotos, Hardcover
29,90 € (D), 30,80 € (A)
ISBN 978-3-7750-0628-6

 

 

ArianeAriane ist Autorin dieses Artikels, sie kocht und fotografiert in freier Mitarbeit für Mizzis Küchenblock neue Rezepte nach ihrer Wahl aus dem Hädecke-Programm.

 
 

Kommentieren